Adieu, Schwalbenkönige!
02.07.2026 SportAlle reden vom «Hydration Break»! Aber die WM brachte noch eine ganz andere Neuerung. Eine gute: Es sind kaum noch Schwalben zu sehen.
Als im Fussball der Begriff «Schwalbe» für das vorgetäuschte Erleiden eines Fouls aufkam, war oft der deutsche Stürmer ...
Alle reden vom «Hydration Break»! Aber die WM brachte noch eine ganz andere Neuerung. Eine gute: Es sind kaum noch Schwalben zu sehen.
Als im Fussball der Begriff «Schwalbe» für das vorgetäuschte Erleiden eines Fouls aufkam, war oft der deutsche Stürmer Jürgen Klinsmann gemeint, den sie in England gar als «Diver» verhöhnten, als Taucher. Für «die Mutter aller Schwalben» sorgte Andy Möller im Frühjahr 1995: Seine Borussia Dortmund spielte gegen den Karlsruher SC und brauchte jeden Punkt für den Titelgewinn. Was Möller veranlasste, im Strafraum ohne jegliches Einwirken hinzufallen. Ein gegnerischer Verteidiger stand unmittelbar daneben, die Szene war für den Schiedsrichter daher unübersichtlich – und er entschied tatsächlich auf Elfmeter. Dortmund gewann das Spiel und wurde kurz darauf Meister. Möller allerdings wurde als erster und einziger Spieler vom deutschen Verband nachträglich für eine Schwalbe gesperrt.
Sich auf dem Feld minutenlang pflegen zu lassen für etwas, das einem gar nicht widerfahren ist – auch dafür steht die Schwalbe. Silber im ewigen Ranking der Vortäuschungen geht an den Brasilianer Rivaldo. Unvergessen, wie er sich an der WM 2002 im Gruppenspiel gegen die Türkei wimmernd am Boden wälzte, sich dramatisch ins Gesicht griff – und offenbar vergessen hatte, an welcher Körperstelle es ihm hätte wehtun sollen: Der türkische Spieler Hakan Ünsal hatte ihm den Ball nicht an den Kopf, sondern seitlich an den Ellbogen geschossen – und sah prompt Rot. Die Szene sorgte weltweit für Empörung, Rivaldo bekam von der Fifa später eine Geldstrafe aufgebrummt.
Rang drei unter den «Schwalbenkönigen» belegt ein weiterer Brasilianer: Neymar. 2018 sorgte er an der WM in Russland für Aufsehen. Und zwar nicht mit sportlichen Leistungen, sondern durch zahlreiche Schwalben. Allen voran sein theatralisches Rollen mit schmerzverzerrtem Gesicht im Spiel gegen Mexiko. In Embryonalstellung rollte Neymar da über den Rasen … Und rollte … Und rollte. Stand aber schliesslich nach einer Pflege, derer es gar nicht bedurft hätte, wieder auf, als wäre nichts geschehen.
An der laufenden WM nun geht es allen «Schwalbenkönigen» dank neuer Fifa-Regeln an den Kragen. Das Ziel: mehr Fairness und weniger Zeitspiel. Wird ein Feldspieler gepflegt, muss er danach für mindestens eine Minute den Platz verlassen. Und siehe da: Kaum einer bleibt mehr für gefühlte Ewigkeiten liegen. Mir fehlt die schlechte Schauspielerei von einst so gar nicht. Wie geht es Ihnen?
Seraina Degen
Seraina Degen (1986) ist in Niederdorf aufgewachsen. Als Torhüterin spielte sie lange leidenschaftlich Fussball, heute bleibt sie beruflich am Ball – als Redaktorin bei SRF Sport.

