«Achtung, wertvoll»
09.10.2026 LausenVom Sammeln und Handeln mit Briefmarken
Das Image des Briefmarkensammelns mag etwas verstaubt sein. Hört man Briefmarkenhändlerin Leandra Honegger über Zeppelinbriefe, Strubelkopf Helvetia und nicht zuletzt Betrugsmaschen sprechen, ändert sich dieses Bild ...
Vom Sammeln und Handeln mit Briefmarken
Das Image des Briefmarkensammelns mag etwas verstaubt sein. Hört man Briefmarkenhändlerin Leandra Honegger über Zeppelinbriefe, Strubelkopf Helvetia und nicht zuletzt Betrugsmaschen sprechen, ändert sich dieses Bild schlagartig.
Brigitte Keller
Der Katalog für Leandra Honeggers Auktion vom vergangenen August wog beeindruckende 800 Gramm. Das Kataloggewicht sagt zwar rein gar nichts aus über den geschätzten Wert der darin aufgeführten Briefmarken und Ansichtskarten, aber über die Anzahl der präsentierten Artikel schon: 2508 einzelne Positionen, Lose genannt, standen zum Ersteigern bereit. Bis Ende Jahr werden es insgesamt neun solcher Auktionen sein, welche die Expertin durchgeführt haben wird.
Angefangen mit Auktionen hatte Honegger 2007, als sie ihre eigene erste Briefmarkensammlung feilbot. Die Sammlung hatte sie in den Jahren davor während ihrer Zeit in Kanada zusammengetragen. Dort hatte sie ein kleines Hotel, ein sogenanntes «Inn» betrieben. Auf fünf Monate Turbostress folgten jeweils sieben Monate mit so gut wie gar keinen Gästen, erzählt Honegger. Auf der Suche nach einer Beschäftigung für diese Zeit entschloss sie sich damals, Briefmarken zu sammeln.
Das ist jetzt mehr als 20 Jahre her. Was als Zufallshobby begann, ist längst zur Leidenschaft und zum Beruf geworden. Das Know-how kann nicht in einer Ausbildung erlernt werden, sondern nur durch Selbststudium und lebenslanges Lernen. «Eine Marke von echt und falsch zu unterscheiden, das kann man vielleicht bald einmal», erzählt Honegger, «aber dann gibt es noch die Portostufen, Transitwege und – wenn man bei Briefmarken Bescheid weiss – dann kann man noch auf Vorphilatelie gehen.»
Vorphilatelie, damit ist – für Laien wie die Schreiberin dieses Artikels – die Zeit vor der Einführung von Briefmarken gemeint. Die Gebühr für die Beförderung von Briefen hätten damals meistens die Empfänger bezahlen sollen, was diese aber des Öfteren verweigert hätten. Also gingen die Briefe auf denselben Wegen, also nicht selten per Postkutsche oder gar Schiff und langen Wegen zu Fuss, wieder an die Absender zurück. Solche noch vorhandenen Briefe, mit den entsprechenden Vermerken darauf, sind einzigartig und deshalb in Sammlerkreisen begehrt und entsprechend wertvoll.
Von Vorphilatelie zur Briefmarke
Die erste Briefmarke der Welt wurde im Jahr 1840 in Grossbritannien eingeführt, die «One Penny Black». In der Schweiz gab es 1842 die ersten Briefmarken, wie Honegger erklärt, damals noch schwarz-weiss. Die Basler waren es dann, die 1845 die erste farbige Briefmarke, und zudem noch mit Prägedruck, herausbrachten: die «Basler Taube». Von der auch «Basler Dybli» genannten Marke haben auch Laien schon einmal etwas gehört.
Eine «Basler Taube», lose, wird je nach Zustand heutzutage für 1500 bis 2000 Franken gehandelt, besonders schöne Stücke auch bis etwa 8000 Franken, wie Honegger weiter ausführt. Befindet sich die Briefmarke noch auf dem originalen Briefumschlag, ist sie um einiges mehr wert. Die Basler Briefmarke war damals, vor der Einführung der Bundespost von 1850, nur in der Stadt Basel gültig. Als Besonderheit gilt ein Brief, der mit zwei «Basler Dyblis» frankiert wurde, damit er einem Adressaten in Riehen zugestellt wurde. Diese Rarität hat heutzutage einen Sammlerwert von etwa 200 000 Franken, wie Honegger ergänzt.
Apropos «Transitweg» eines Briefs, dazu hat Honegger eine besondere Anekdote parat, die ihr ein Sammler erzählt hat. Dieser sei in seiner Sammlung von einem Expertenteam zurückgestuft worden, weil ein Brief als nicht «schön genug» taxiert wurde. Was die Juroren dabei nicht berücksichtigt hatten: Der Brief hatte den Absturz des Zeppelins, in dem er transportiert wurde, überstanden. Danach sei er weitergeschickt worden per Schiff an seinen Zielort in Skandinavien, wobei das Schiff dann gesunken sei. Drei Briefe, das sei dokumentiert, hätten auch diese Katastrophe «überlebt». Dass diese nicht mehr allzu schön aussehen, scheint verständlich, mit diesem wohl einmaligen Transitweg sind sie jedoch für Raritätensammler heiss begehrt.
Zu den seltensten und damit auch teuersten Briefmarken der Welt gehört die «Blaue Mauritius». 14 davon seien bekannt, gemäss Honegger, die meisten davon befänden sich in Museen. Vielleicht etwa drei, wenn überhaupt, werden noch gehandelt. Falls eine irgendwo auftauchen würde, ginge es um Millionen. «So eine hatte ich selber leider noch nie», erklärt Honegger. Noch teurer wird es bei der «Roten Mauritius». Für 8,1 Millionen Euro habe sie 2021 an einer Auktion den Besitzer gewechselt.
Auch beim Sammeln von Briefmarken gebe es Trends. Früher sei hierzulande das Sammeln mit Abonnement der Post weit verbreitet gewesen. Diese Art des Sammelns sei nicht mehr «trendy». Heute werde mehr zu Gebieten gesammelt, mit denen man sich verbunden fühlt, wie beispielsweise zu einem Kanton, einer Stadt oder einem einzelnen Stadtquartier. Leandra Honegger selbst ist aus diesem Grund stets auf der Suche nach alten Postkarten, Briefmarken und weiteren Dokumenten aus Wenslingen, dem Ort, wo sie aufgewachsen ist.
Strubelbrief
In Honeggers Sammlung zu Wenslingen befinden sich unter anderem sechs sogenannte Zeppelinbriefe, also Briefe, die in Wenslingen aufgegeben wurden und nachweislich ihre Reise nach Übersee in einem Zeppelin zurückgelegt haben. Sehr freuen würde sie sich, wenn sie ihre Sammlung mit einem «Strubelbrief mit Raute» ergänzen könnte. Strubelbrief wird ein Brief genannt, wenn die Marke darauf eine «Sitzende Helvetia, ungezähnt» aus dem Ausgabezeitraum von 1854 bis 1862 ist. Die leicht strubbelige Frisur der Dame von damals hat ihr den gängigen Übernamen «Strubelmarke» eingebracht.
Wie gelangt eine Sammlung in die Auktion bei Leandra Honegger? Zum Beispiel so, dass jemand seine Sammlung an einem Dienstag- oder Freitagnachmittag, wenn der Laden an der Hauptstrasse 103 geöffnet ist, dort vorbeibringt. «Dann mache ich eine Ersteinschätzung, die ist kostenlos.» Vieles, was vorgelegt würde, habe aber keinen Sammlerwert. Falls etwas mit Sammlerwert darunter sei, kann der Besitzer entscheiden, ob er die Sammlung an Honegger verkaufen möchte und damit sofort Geld erhält oder – in der Hoffnung, dass dabei ein höherer Erlös resultiert – seine Sammlung zu einem vereinbarten Mindestgebot in die Auktion geben.
Neben alten Marken mit mehr oder weniger Sammlerwert befänden sich in den vorbeigebrachten Alben und Schachteln sehr oft Marken, die keinen Sammlerwert hätten, dafür aber noch gültig und verwendbar seien. Beim Erkennen derjenigen würden ihr auch die pensionierten Eltern helfen, erzählt Honegger, «sie helfen mir gerne beim Sortieren und sind sogar schneller als ich beim Erkennen der noch gültigen Marken». Diese Marken kauft Honegger den Überbringern zu einem Teil des Nennwerts ebenfalls ab.
Drum prüfe gut
«Eine kleine Anzahl davon brauche ich selber, wie beispielsweise beim Versand der Auktionskataloge, den Rest verkaufe ich weiter.» Dies sei in jüngster Zeit aber gerade schwieriger geworden, weil Fälschungen aus China aufgetaucht seien. Sowieso würden Online-Handelsplattformen oft für den Verkauf von Fälschungen und Betrügereien genutzt. «Ich habe manchmal das Gefühl, Briefmarken über eine dieser Plattformen zu kaufen, ist ein Ersatz für das Ausfüllen eines Lottoscheins, im Sinne von: wäre toll, wenn es echt wäre und sich bezahlt machen würde», sagt Honegger. «Ich empfehle, nur bei Händlern, die Mitglied beim Schweizerischen Briefmarkenhändlerverband sind, zu kaufen. Bei dem, was ich verkaufe, garantiere ich für dessen Echtheit.»
Eine besondere Überraschung hielt einmal ein Album bereit, das Honegger aus dem Grund gekauft hatte, weil drei besonders gestempelte Marken aus Wenslingen dabei waren. Das Album mit den restlichen Marken legte sie in einen Schrank. Erst Jahre später, als sie dieses wieder einmal zur Hand nahm, entdeckte sie zwischen Buchdeckel und erster Seite, die zusammenklebten, zwei Steckkarten, die mit «Achtung wertvoll!» beschriftet waren und tatsächlich ein paar Kostbarkeiten enthielten. «Ein doppelt guter Kauf: etwas für meine Sammlung gehabt und einen guten Profit gemacht.»


