Abwasserreinigen macht Schule
11.06.2026 SissachKläranlage bietet Betriebsführungen an
Bei der ARA Ergolz 1 können seit diesem Jahr Betriebsführungen gebucht werden – sowohl von Schulklassen als auch im privaten Rahmen. Der Rundgang ist lehrreich und ein Klämmerli auf der Nase braucht es nicht.
...Kläranlage bietet Betriebsführungen an
Bei der ARA Ergolz 1 können seit diesem Jahr Betriebsführungen gebucht werden – sowohl von Schulklassen als auch im privaten Rahmen. Der Rundgang ist lehrreich und ein Klämmerli auf der Nase braucht es nicht.
Christian Horisberger
Bei trockenem Wetter gelangen pro Sekunde rund 100 Liter schmutziges Wasser in die Sissacher Kläranlage, und sie werden nach mindestens 24-stündiger mechanischer und biologischer Reinigung in die Ergolz gespült. Als Nebenprodukt des Klärprozesses entsteht Gas. Pro Person und Tag werden im Baselbiet 40 Liter Trinkwasser durch das Betätigen der WC-Spülung zu Abwasser, das einer ARA zugeführt wird.
Diese Informationen gehören für die wenigen Mitarbeitenden einer hochautomatisierten Kläranlage wie die ARA Ergolz 1 im Bereich des Südportals des Chienbergtunnels zum kleinen Einmaleins. Für grosse Teile der Bevölkerung aber ist das, was hinter den Toren der Grossanlage geschieht, ein Mysterium. Das Amt für Industrielle Betriebe (AIB), in dessen Verantwortung die Baselbieter Kläranlagen stehen, bietet interessierten Gruppen die Möglichkeit, sich vor Ort über die Abwasserreinigung zu informieren. Schon seit 2022 bietet das AIB in Zusammenarbeit mit der Bildungsplattform «Linie-e» auf der ARA Birs in Birsfelden zweistündige Führungen an, die zumeist von Schulklassen gebucht werden. Seit diesem Jahr besteht diese Möglichkeit auch in Sissach – und wird rege genutzt, wie es beim AIB heisst. Die «Volksstimme» schloss sich einer Integrationsklasse des Zentrums für Brückenangebote Basel-Stadt bei einem Rundgang an.
Theorie zum Aufwärmen
Als Erstes nach ihrem Eintreffen können die sechs Jugendlichen und ihre Deutschlehrerin Paula Rolshoven feststellen, dass es auf dem Gelände einer ARA sogar bei Temperaturen um 30 Grad gar nicht stinkt. Nicht die schlechteste Ausgangslage für die zweistündige Tour.
Harald Heider, einer der mehr als 20 Guides von «Linie-e», führt die Gruppe in den Theorieraum der Betriebszentrale, wo er ihr Basiswissen über das Verunreinigen und Reinigen von Wasser serviert. Zum Beispiel: Beim Baden und Duschen, Wäsche waschen, auf dem WC oder in der Küche verbraucht der Durchschnitts-Baselbieter rund 140 Liter Trinkwasser – getrunken werden nur zwei Liter –, die verschmutzt via Kanalisation in die ARA gelangen. Hinzu kommt Regenwasser, das nicht in Trennsystemen in der Strassenentwässerung direkt in Bäche abgeleitet wird. Bei starkem Regen kann sich das Abwasser-Volumen, das an einem trockenen Tag anfällt, fast vervierfachen.
Eigens fürs Abwasser verlegte Rohre hätten schon die Römer gekannt, erzählt der Guide, die grösste in der Stadt Rom sei als «cloaca maxima» bezeichnet worden. Bis das Abwasser in der Schweiz konsequent gereinigt wurde, sollte es weit bis ins 20. Jahrhundert dauern. Die Sissacher ARA Ergolz I wurde 1966 in Betrieb genommen und ist eine von heute sechs regionalen Kläranlagen im Kanton, die durch 20 lokale ergänzt werden.
Mit Ratespielen zu den grössten Trinkwasserverbrauchern im Haushalt, dazu, was ins WC darf und was nicht, und einem Wasserversickerungs-Versuch wird die Theorie aufgepeppt. Aufgrund der noch bescheidenen Deutschkenntnisse der Teilnehmenden erweist sich ihr Einbezug als schwierig. Deshalb vereinfacht Lehrerin Rolshoven das Gehörte und hilft ihren Schützlingen auf die Sprünge.
Der Rundgang auf dem Areal beginnt mit einem Spaziergang durch einen langen, unterirdischen Kabelund Leitungstunnel. Bei der ersten mechanischen Reinigungsstufe, wo Steine aufgefangen werden, kommt die Gruppe wieder ans Tageslicht. Weiter geht es zum Rechen-Raum, wo das mit Fäkalien in die Kanalisation gespülte WC-Papier an einer Art Gitterrost, dem Rechen, hängen bleibt. Vor dem Betreten des kleinen Gebäudes fühlt man sich wie bei einer Mutprobe. Doch ist selbst dort der Gestank erträglich – obwohl das gepresste Toilettenpapier aus dem Rechen in einem offenen Container auf den Abtransport zur Verbrennungsanlage wartet.
Strom aus Schlamm
In den weiteren mechanischen Reinigungsstufen, zu denen Heider die Gruppe führt, werden dem Abwasser Sand sowie Schwebeteilchen entnommen, wobei Letztere als Klärschlamm in den Faulturm befördert werden, wo er durch gefrässige Bakterien stark an Volumen verliert. Dabei entsteht methanhaltiges Klärgas, das in einem Speicher gelagert und in einem Blockheizkraftwerk auf dem Betriebsgelände zu Strom und Wärme umgewandelt wird. Weiteren Strom für den Betrieb der ARA produziert eine grossflächige Photovoltaikanlage auf dem Areal.
Mittels Pumpen gelangt das Abwasser in die nächste Reinigungsstufe. Dort wird mit dem Zufügen des sogenannten Fällmittels dem Abwasser Phosphat entzogen, um eine Überdüngung des Bachs zu verhindern, in den das gereinigte Wasser später abgeleitet wird. Dies ist der Start zur biologischen Stufe: Mikroorganismen ernähren sich vom Kohlenstoff, Stickstoff, von Eiweissen oder Fetten im Schmutzwasser.
Der Guide entnimmt dem mechanisch gereinigten Abwasser eine weitere Probe. Überraschenderweise ist das Wasser in der zweiten Flasche viel schmutziger als das in der ersten; fast schwarz. «Abwarten», sagt der Gruppenführer mit einem verheissungsvollen Lächeln. Bereits nach wenigen Minuten beginnt sich Schlamm zu setzen und über dieser Schicht ist das Wasser nun klar.
Nun sind wieder das Wissen und die Fantasie der Teilnehmer gefragt: Der Führer hat Bilder der winzigen Helferlein aus dem Schlamm der biologischen Abwasserreinigung auf A4-Format vergrössert und bittet die Gruppe, ihnen die richtigen Namen zuzuordnen. Dafür reicht meist etwas Vorstellungsvermögen, etwa beim Trompeten-, Wimpern-, Pantoffel- oder Glockentierchen, die von ihren Entdeckern nach ihrer Form benannt worden sind. Später werden einige dieser Organismen lebend und fressend unter dem Mikroskop zu sehen sein.
Es geht nun auf die Zielgerade. In den mehr als 70 Meter langen Nachklärbecken setzt sich der Belebtschlamm ab. Bevor das gereinigte Wasser – «kein Trinkwasser», wie der ARA-Guide betont – in die Ergolz geleitet wird, fliesst es durch eine Schicht aus Tuffstein und Quarzsand, wo weitere Schmutzpartikel hängen bleiben.
Wissens-Test zum Abschluss
Vielleicht ist es die Hitze, vielleicht die anspruchsvolle Materie in einer fremden Sprache – der Aufforderung, für ein abschliessendes Quiz in einem schattigen Raum Platz zu nehmen, leisten sie gerne Folge. Mit der Beantwortung der Fragen tun sie sich die jungen Frauen und Männer aber schwer. Bei der Feedbackrunde am Ende der Tour kommt zum Ausdruck, dass die vielen Informationen wegen der Sprachhürde nicht leicht zu verstehen gewesen seien. Für die Verantwortliche der Gruppe kein Problem. Ihr sei am wichtigsten, dass ihre Schülerinnen und Schüler möglichst viel mit Deutsch konfrontiert werden, damit sie unsere Sprache rasch lernen.
Die Zuständigen des AIB werden damit leben können. Doch ist dies nicht ganz der Sinn der Führungen. Es gehe dabei nicht zuletzt auch um die Sensibilisierung junger Menschen; ihnen aufzuzeigen, was eine Kläranlage leistet und wie unser Abwassersystem funktioniert. Dabei könne auch vermittelt werden, was ins Abwasser darf und was nicht in der Toilette entsorgt werden sollte, was im Theorieteil spielerisch behandelt wird. Zudem werde ein Beitrag zum schonenden Umgang mit der Ressource Wasser geleistet.
Kostenlose Führungen auf ARAs und Deponie
vs. Für Gruppen, Vereine und Schulklassen bietet das Amt für Industrielle Betriebe Baselland auf ausgewählten Kläranlagen und der Deponie Elbisgraben Führungen an. Auf den ARAs dauern diese rund zwei Stunden. Besuche sind nur auf Voranmeldung und unter Bekanntgabe der Anzahl Teilnehmender möglich. Reservationsanfragen können via Website der Bau- und Umweltschutzdirektion im Bereich des AIB unter «Besichtigungen» gestellt werden.




