Hitzesommer
09.10.2026 PolizeiEs ist eine alte Leier: Selbst aufschlussreiche, schnittig geschriebene Beiträge werden oft verhunzt, indem beim Produzieren der Seite in einem Zwischentitel oder in einem hervorgehobenen Zitat Tipp- und andere Fehler reingeschmuggelt werden. Vor einiger Zeit war in der «bz basel» ...
Es ist eine alte Leier: Selbst aufschlussreiche, schnittig geschriebene Beiträge werden oft verhunzt, indem beim Produzieren der Seite in einem Zwischentitel oder in einem hervorgehobenen Zitat Tipp- und andere Fehler reingeschmuggelt werden. Vor einiger Zeit war in der «bz basel» zu erfahren, dass das Basler Matthäus-Quartier unter starkem Durchgangsverkehr leidet. Damit trifft es ausgerechnet das Quartier, das mit 19,7 Fahrzeugen pro 100 Einwohner die niedrigste Fahrzeugquote der Stadt aufweist. Oder sogar des ganzen Landes? Da wagt man sich nicht zu weit auf die Äste hinaus. Lieber vage als wagemutig.
Und dann eben: Im Haupttext lässt sich die Redaktion auf ein Nahdeutsch-Erlebnis ein: «Kaum wo in der Schweiz gibt’s wohl so wenig Autobesitzende». Verbindlicher wird das Blatt auf seiner Titelseite: Dort kündigt es den Beitrag mit dem Begriff «Schweizermeister» an. Das ist trotz allem kommentierend – zumal die Automobilbranche dem positiv besetzten Begriff nicht zustimmen wird.
Schreiberinnen und Schreiber, die zu neutralem Rapportieren verpflichtet sind, tappen immer wieder in die Kommentier-Falle. So war kürzlich im Titel einer Meldung zu lesen, in Oberdorf sei der «Kunstrasen endlich verlegt». Wer definiert, was unter «endlich» und was unter «bereits» zu verstehen ist? Der FC, die Firma, der Finanzchef?
Dem gleichen Phänomen begegnen wir in Berichten über Gerichtsverhandlungen: «Vorwiegend milde Urteile im Basler Kurdenprozess», «Harte Strafe für Patrick Fischer» – oder in einem Newsletter: «Chinese stach in Zürich auf Kinder ein: Gericht fällt überraschendes Urteil». Oft weichen die Schuldsprüche weit von den Forderungen der Anklage und erst recht von denen der Verteidigung ab. Wenn wir aber davon ausgehen, dass Richterinnen und Richter ihr Handwerk verstehen und gewissenhaft ausüben, so kann ein Schuldspruch nie milde oder hart ausfallen. Hier masst sich eine besserwisserische Redaktion ihr Urteil zum Urteil an.
Um auf den Hitzesommer zurückzukommen: Jüngst entspann sich am Schweizer Radio ein Kurzdialog zwischen der Nachrichtensprecherin und dem Meteorologen. Sie fragte ihn, ob «endlich» der «lang ersehnte» Regen komme, und er bejahte; dieser sei jedoch «leider nur» von kurzer Dauer. Inhaltlich pflichten wir dem wohl bei. Dass «leider» gleichwohl das oberste Tabuwort der Branche bleibt, weil es sehr stark Partei ergreift, geht dabei leider vergessen.
Vor einiger Zeit titelte die «bz basel»: «Warum Gewitter Basel oft verfehlen: Der verflixte Oberrhein-Graben». Die Lage der Region führt dazu, dass sie weniger Wasser als andere Landesteile erhält. Deshalb wird bei ausserordentlichen Wetterlagen auch ein ausserordentlich wertendes Adjektiv aus dem Duden hervorgeholt. Die Sprachpolizei erinnert sich mit einem bitteren Lächeln daran, wie die damalige Gemeindepräsidentin vor rund 20 Jahren am Neuzuzüger-Apéro stolz auf diese spezielle Lage von Sissach hinwies, dank der die Gemeinde landesweit zu den Orten mit den wenigsten Niederschlägen zählt. So ändern sich die Zeiten …
Damit die Sprachpolizei doch noch ihrer eigentlichen Aufgabe gerecht wird, Marotten und Fehler mit einem Augenzwinkern auszuplaudern, sei noch etwas aus der «Sonntagszeitung» von Mitte August nachgereicht. Dort war in einem Artikel dieser Satz zu lesen: «Dabei gibt es eine riesige Fehl0erquote.» Böser, böser Druckfehlerteufel!
Jürg Gohl
