BERG & TAL
07.08.2026 SportSicherheit beginnt im Kopf
Es gibt Sätze, die bleiben hängen. Nicht weil sie besonders sind, sondern weil sie im Kopf etwas auslösen.
Bei meiner Halbjahreskontrolle im Juni war die Freude gross. Die Schulter sieht stabil aus, die Ansteuerung der ...
Sicherheit beginnt im Kopf
Es gibt Sätze, die bleiben hängen. Nicht weil sie besonders sind, sondern weil sie im Kopf etwas auslösen.
Bei meiner Halbjahreskontrolle im Juni war die Freude gross. Die Schulter sieht stabil aus, die Ansteuerung der Muskulatur ist deutlich besser als erwartet. Noch arbeiten zwar nicht alle Muskeln, wie sie sollten, aber sie kommen nach und nach zurück. Ein Ergebnis, das mich durchatmen liess. Denn ich trainiere viel, sehe täglich, was noch nicht funktioniert, und verliere dabei manchmal aus den Augen, wie weit ich bereits gekommen bin. Umso schöner war die Begeisterung des Operateurs über meinen Fortschritt.
Und dann fiel dieser eine Satz: «Du solltest wirklich nicht noch einmal in diesem Ausmass stürzen.» Ein verständlicher Hinweis. Doch mein Gehirn machte ein «Du darfst nicht mehr stürzen!!!» daraus. In den zwei darauffolgenden Wochen stürzte ich vermutlich häufiger als je zuvor. Einmal mit dem Fahrrad, zweimal im Training und zweimal zu Hause, als ich für ein paar Schritte vom Rollstuhl aufstand. Es war, als könnte ich nicht mehr einen Fuss sauber vor den anderen setzen. Es machte mich richtig wütend. Das kann doch nicht wahr sein!
Stürzen gehört zu meinem Leben, ob im Leistungssport oder auch im ganz normalen Alltag. Diese Unsicherheit wird mich nur einschränken, und das durfte auf keinen Fall passieren. Also ging ich an einem meiner Rehatage zum Therapeuten und bat ihn um etwas Ungewöhnliches. Sturztraining.
Es kostete mich grosse Überwindung, mich bewusst aus dem Kniestand auf die operierte Schulter fallen zu lassen. Wir begannen mit einfachen Übungen und arbeiteten uns Schritt für Schritt bis zur Judorolle vor. Mit jeder Wiederholung kam ein Stück Sicherheit zurück. Natürlich weiss ich, dass im Ernstfall nur ein ganz kleiner Teil davon automatisch abrufbar sein wird. Aber genau dieser kleine Teil macht vielleicht den Unterschied. Es gibt mir das Gefühl, nicht nur Respekt vor dem Sturz zu haben, sondern auch die Kompetenz, ihn zu bewältigen. Das Lustige daran: Seit diesem Training hatte ich kaum mehr eine Sturzsituation.
Manchmal funktioniert unser Gehirn erstaunlich einfach. Es sucht lediglich Sicherheit. Und wenn wir ihm statt der Angst eine Fähigkeit geben, kann sich so einiges verändern. Es ist nicht das erste Mal, dass ich die Energie der Angst für eine neue Fähigkeit nutze. Vielleicht liegt genau darin eine wertvolle Erkenntnis, nicht nur für den Sport oder die Rehabilitation, sondern für das Leben allgemein. Angst verschwindet selten, indem wir sie verdrängen. Sie verliert aber an Macht, wenn wir mit Wissen, Übung und Erfahrung antworten.
Romy Tschopp
Vom Rollstuhl aufs Snowboard: Die Sissacherin Romy Tschopp (1993) ist die erste Schweizer Para-Snowboarderin, die an Paralympischen Spielen teilnehmen konnte. Sie wurde 2023 Vizeweltmeisterin im Snowboardcross.

