Stadt und Land mitenand
21.07.2026 PolitikMaya Graf, Ständerätin Grüne, Sissach
Besser hätte es nicht passen können: Das Motto des 32. Eidgenössischen Jodlerfestes in Basel, genau eine Woche nach der Abstimmung über die 10-Millionen-Schweiz, war «Stadt und Land ...
Maya Graf, Ständerätin Grüne, Sissach
Besser hätte es nicht passen können: Das Motto des 32. Eidgenössischen Jodlerfestes in Basel, genau eine Woche nach der Abstimmung über die 10-Millionen-Schweiz, war «Stadt und Land mitenand». Wie zur Bestätigung des klaren Volksneins zur Abschottung der Schweiz, wurden in Basel die Offenheit und das Miteinander gefeiert. Traditionen aus der ländlichen Schweiz wurden in die Stadt getragen. Jodelgesang, Alphornklänge und Fahnenschwingen begeisterten die Stadtbewohnerinnen und Stadtbewohner genauso wie die vielen Besucherinnen und Besucher von überall her. Früher hiess es, Stadtluft macht frei. Es muss etwas dran sein: Da sah man fröhlich schwimmende Jodler im Rhein, Jodlerinnen in ihren Trachten singend in den Stadtbrunnen plantschen, Trachtenmädchen am Umzug mit Trottinetts vorbeiflitzen und vieles mehr.
Sie alle straften die Vorurteile der Stadtbewohnerinnen und Stadtbewohner, die Landbevölkerung sei konservativ, Lügen, ebenso wie die Jodler- und Alphorngemeinschaft ihre Vorurteile, die Städterinnen und Städter seien versnobt, schnell vergessen hat. Die Gastfreundschaft war riesig und die Begeisterung der mehr als 12 000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer überall spürbar. Es kommt eben immer am besten, wenn Stadt und Land sich in ihren Traditionen und Eigenheiten respektieren, austauschen und voneinander profitieren. So, wie wir es in der Region Basel und in der Schweiz erfolgreich in Politik, Wirtschaft und Alltag tun. Genau aus diesem Grund halte ich nichts vom Gejammer über einen angeblichen Stadt-Land-Graben.
Und wie wurde dieser Mythos rund um die Abstimmung wieder bedient. Die Medien schrieben nach dem Entscheid dramatisch von Entfremdung, von einem tiefen Graben zwischen Stadt und Land. Auf den ersten Blick kann das Abstimmungsresultat zur 10-Millionen-Schweiz tatsächlich so gelesen werden. Auf den zweiten Blick sind die Gründe viel differenzierter: Es geht nicht zuletzt darum, ob man sich gesellschaftlich abgehängt fühlt oder eben genau weiss, wie wirtschaftlich wichtig ausländische Arbeitskräfte schon immer waren. Zumindest teilweise kann so das deutliche Nein aus dem ländlichen Kanton Jura oder dem Baselbiet erklärt werden.
Der Mythos Stadt gegen Land funktioniert gar nicht mehr – weder statistisch noch gesellschaftlich. Heute leben circa 44 Prozent der Schweizer Einwohnerinnen und Einwohner in Städten, nur 14 Prozent auf dem Land und bereits 42 Prozent in Agglomerationen und Kleinstädten. Die Lebensrealitäten haben sich stark angeglichen, wir alle sind viel mobiler und vernetzter geworden. Junge Menschen zie- hen in die Stadt, später als Familien vielleicht wieder aufs Land. Viele pendeln für die Arbeit vom Land in die Stadt.
Wenn ich mein Dorf Sissach anschaue, dann ist das Leben urban inmitten einer ländlichen Umgebung: Wir sind in 20 Minuten in Basel, in 55 Minuten in Zürich. Wenn ich im Neubadquartier in Basel mit meiner betagten Tante unterwegs bin, kommt es mir häufig vor wie in einem Dorf. Das ist doch alles positiv. Lassen wir uns also von gewissen Demagogen keinen Kulturkampf zwischen Stadt und Land aufschwatzen. Das Wichtige ist, dass wir miteinander im Austausch bleiben: im Kleinen im Dorf- und Quartierleben oder in Vereinen, im Grossen an einem verbindenden Volksfest wie dem Jodlerfest. Leben wir die Vielfalt und lernen wir «von- und mitenand».
In der «Carte blanche» äussern sich Oberbaselbieter National- und Landratsmitglieder sowie Vertreterinnen und Vertreter der Gemeindebehörden zu einem selbst gewählten Thema.

