Die Wiederentdeckung der Langsamkeit
18.04.2023 RünenbergThomas Zumbrunn, Gemeindepräsident Rünenberg, parteilos
In einem halben Jahr finden die nationalen Wahlen statt, was wir in nächster Zeit unschwer an den Inhalten der «Carte blanche» erkennen dürften. Vertreterinnen und Vertreter der ...
Thomas Zumbrunn, Gemeindepräsident Rünenberg, parteilos
In einem halben Jahr finden die nationalen Wahlen statt, was wir in nächster Zeit unschwer an den Inhalten der «Carte blanche» erkennen dürften. Vertreterinnen und Vertreter der politischen Parteien werden den vorliegenden «Blankocheck» in grelle Töne einfärben und in zunehmender Häufigkeit ihre (vermeintlichen?) Lösungen für Themen von A wie Altersvorsorge oder Asylwesen, über K wie Kaufkraft oder Klimakrise bis zu Z wie Zersiedelung oder Zuwanderung anpreisen.
Meine Befürchtung ist, dass sich sowohl die Parteien als auch ein grosser Teil der Wählerschaft vornehmlich auf kurzfristige Probleme stürzen werden. Themen wie beispielsweise eine mögliche Energiemangellage traten erst vor Kurzem ins öffentliche Bewusstsein, dominieren das Geschehen in Bundesbern aber bisweilen derart stark, dass sich Mehrheiten finden, die bereit sind, im Hauruckverfahren einen Teil unserer natürlichen Lebensgrundlage unwiederbringlich zu opfern.
Den Slogan «Energie ist knapp. Verschwenden wir sie nicht» halte ich zwar für unterstützungswürdig, aber meine Un- terstützung wäre mindestens so gross, wenn man das Wort «Energie» durch Begriffe wie «Artenvielfalt», «Boden» oder – wie ich im Folgenden ausführen möchte – «Wasser» ersetzen würde. Die vergangenen Tage und Wochen waren ziemlich verregnet. Eine «Wassermangellage» ist kein Thema. Tatsächlich? Der Schein trügt. Zwar dürfte sich in unserer Region die Jahresniederschlagsmenge nicht gross verändern, aber mit der Klimaerwärmung steigt die Schneefallgrenze, weshalb Niederschlag seltener als Schnee fällt und rascher abfliesst. Im Sommer gibt es vermehrt Starkregen, das Wasser läuft ungehindert davon. Es zeichnet sich deshalb ab, dass unsere Bäche im Sommer häufiger austrocknen und unser Trinkwasser knapper wird.
Eine weitere Folge ist die geringere Verfügbarkeit von Wasser auf der landwirtschaftlichen Nutzfläche. Der Kampf ums Wasser ist in Teilen Europas bereits ausgebrochen, wie zum Beispiel in Westfrankreich, wo es kürzlich zu gewaltsamen Ausschreitungen wegen des Baus von Speicherbecken kam. Damit es im Oberbaselbiet nicht so weit kommt, hat das Ebenrain-Zentrum für Landwirtschaft, Natur und Ernährung das Projekt «slow water» ins Leben gerufen. Mit einer breiten Palette von Massnahmen soll das Nie- derschlagswasser möglichst lange zurückgehalten und so den landwirtschaftlichen Kulturen zur Verfügung gestellt werden. Denkbar sind Versickerungskanäle und -mulden, hangparalleles Pflügen und Säen, Unter- und Zwischensaaten oder das Pflanzen von Bäumen und Sträuchern – auch als Teil der bei uns langsam aufkommenden Bewirtschaftungsform «Agroforst» beziehungsweise im Rebbau «Vitiforst».
Ich bin davon überzeugt, dass «slow water» im Schatten des kurzfristigen Wahlkampf-Getöses unserer Region langfristig einen grossen Nutzen bringen wird. Weiter bin ich zuversichtlich, dass durch die geschickte Wahl der Massnahmen nicht nur die Folgen des Klimawandels abgefedert, sondern zugleich die heimische Tier- und Pflanzenwelt gefördert werden kann.
In der «Carte blanche» äussern sich Oberbaselbieter National- und Landratsmitglieder sowie Vertreterinnen und Vertreter der Gemeindebehörden zu einem selbst gewählten Thema.

