Zehn Monate Zeit für zahlreiche Ziele
05.08.2022 Bennwil, Politik, Bezirk SissachJürg Gohl
Ursprünglich wollte Michael Bürgin seinem früheren Schüler Bálint Csontos bloss mit Rat und Tat beistehen. Jetzt ist er selber Rat. Csontos war Shootingstar und Parteipräsident der Baselbieter Grünen sowie in Ramlinsburg jüngster Gemeinderat des Kantons. ...
Jürg Gohl
Ursprünglich wollte Michael Bürgin seinem früheren Schüler Bálint Csontos bloss mit Rat und Tat beistehen. Jetzt ist er selber Rat. Csontos war Shootingstar und Parteipräsident der Baselbieter Grünen sowie in Ramlinsburg jüngster Gemeinderat des Kantons. Er eröffnete seinem einstigen Musiklehrer am Gymnasium Liestal und heutigen Vertrauten, dass er aus dem Landrat zurückzutreten gedenke. Doch weder die Erstnachrückende, Landwirtin Marianne Lerch aus Niederdorf, noch die anderen vier kandidierenden Grünen, drei Frauen und ein Mann, sahen sich im Wahlkreis Waldenburg in der Lage, das Mandat von Csontos zu Ende zu führen.
In einem solchen Fall kann eine Partei einen Ersatz nominieren, und so sagte Bürgin zu, den Grünen zu helfen, eine Nachfolge zu suchen, am liebsten jung und weiblich. Doch es hagelte Absagen, bis am Schluss nur noch der Name des Nothelfers selber übrig blieb: Michael Bürgin. «Statt eine junge Frau rückt jetzt ein alter Mann nach», sagt der 53-Jährige selbstironisch und ohne kritischen Unterton und ergänzt: «Alle Nachrückenden hatten gute Gründe für ihre Absagen.»
Mit der Häme leben
Auch kann er vollkommen nachvollziehen, dass sein aussergewöhnlicher Einstieg in die Kantonalpolitik für Nasenrümpfen sorgt. Die Grünen, bei den Wahlen noch Partei der Stunde, ernteten Häme. «Aber man muss nicht alles persönlich nehmen», sagt sich Bürgin, um diesen Makel beiseitezuwischen. Als bisher Parteiloser hat er sich konsequenterweise sogleich den Grünen angeschlossen, der Partei, die «mir klar am nächsten steht».
Michael Bürgin, in Rothenfluh heimatberechtigt, ist vor 15 Jahren frisch verheiratet von Basel nach Bennwil gezogen. Dort habe sich das Paar auf Anhieb wohl gefühlt, sagt er. Der zweifache Familienvater ist Musiker mit dem Fachgebiet alte Musik, spielt Kontrabass und unterrichtete vor seinem Wechsel nach Münchenstein lange am Gymnasium Liestal. Zur Abwechslung spielt er in einer Rockband. Über die klassische Musik entstand auch die Freundschaft zur Familie seines Vorgängers.
Zehn Monate lang Landrat
Er, Bálint Csontos, gehört noch bis Ende August dem Parlament an; am Tag darauf hält das Baselbieter Parlament erstmals unter der neuen Präsidentin eine Sitzung ab und wird dabei sein neues Mitglied anloben. Der Segen der anderen vorausgesetzt, wird Michael Bürgin der landrätlichen Justiz- und Sicherheitskommission angehören. Bedingt durch seinen Beruf will er sich in Liestal aber auch in Bildungsthemen hervortun: etwa für den Erhalt bewährter Strukturen und gegen aktionistische Reformen, oder im Gesundheitsbereich für den Ausbau von Ausbildungsplätzen, zum Beispiel in der Physiotherapie.
Die Zeit dafür ist sehr knapp, denn Michael Bürgins Aufgabe in Liestal endet am 30. Juni 2023, also zehn Monate nach seinem Antritt. Und er muss sich zuerst im Rat einleben. «Das geht schnell», sagt er, ohne dabei überheblich zu wirken. Er verweist auf seine Arbeit im fünfköpfigen Gemeinderat von Bennwil, dem er seit drei Jahren angehört. Auch wenn er von der Exekutive in die Legislative sowie von der kommunalen auf die kantonale Ebene wechselt, sieht er seiner neuen politischen Tätigkeit diesbezüglich gelassen entgegen: «Die politischen Abläufe ändern sich nicht.»
Keine weitere Kandidatur
Schon jetzt steht für Bürgin fest, dass er zu den kantonalen Erneuerungswahlen im Februar – Anhänger von Schnapszahlen können sich den 23.2.23 vormerken – nicht mehr antreten wird. Auch das bei Wahlen begehrte Attribut «bisher», das auf der Liste hinter seinem Namen stehen würde, stimmt ihn nicht um. Seine Partei, die wie er selber für ein jüngeres, weiblicheres Parlament einsteht, würde sich bei einer erneuten Bürgin-Nomination unglaubwürdig machen, sagt er.
Auch liessen seine Zeitreserven ein länger dauerndes Engagement in Liestal nicht zu. Als Musiklehrer, Gemeinderat, Familienvater und Hobby-Rockmusiker sei es ihm nur deshalb möglich, sich auch noch im Landrat voll einzubringen, weil er am Gymnasium viele Überstunden abzubauen habe.
Kurios dabei ist, dass er damit dann aus dem Parlament ausscheiden wird, ohne je gewählt worden zu sein. Seinen klar definierten Kurzeinsatz betrachtet er dennoch als sinnvoll. «Ich werde in Liestal viel lernen und wichtige Beziehungen knüpfen können, die mir zum Beispiel bei meiner Tätigkeit im Gemeinderat helfen», sagt er und betont, dass er sich in der obersten Dorfbehörde ausgesprochen wohl fühle. Der Bennwiler Landrat in spe zieht einen Vergleich: «Wer Theologie studiert und hinterher kein Pfarramt antritt, profitiert gleichwohl ein Leben lang von seinem Studium.»

