ZOOLOGISCH
22.07.2022 NaturSpyren
Daniel Zwygart
In den vergangenen Tagen sind die «sriesrie»-Rufe der Mauerseglergruppen, die am Morgen oder am Abend in horrendem Tempo um die Häuser kurven, unüberhörbar. Spätestens jetzt werde ich ...
Spyren
Daniel Zwygart
In den vergangenen Tagen sind die «sriesrie»-Rufe der Mauerseglergruppen, die am Morgen oder am Abend in horrendem Tempo um die Häuser kurven, unüberhörbar. Spätestens jetzt werde ich «wechselmütig». Freudig, weil nun die ausgeflogenen Jungvögel – erkennbar an der sehr hellen Kehle und den weissen Säumen der Schwingen – ebenfalls bei den Flugshows mittun und vom diesjährigen Bruterfolg dieser Vogelart zeugen. Wehmütig-traurig, weil das Schauspiel schon bald ein Ende haben wird. Denn die Jungvögel und die nicht mehr mit der Brut beschäftigten Individuen fliegen in den kommenden Tagen in den Süden.
Ich habe aus diesem Anlass «Mein Vogel» von Emil Weitnauer zur Hand genommen und das feine Büchlein nach vielen Jahren wieder von A bis Z gelesen. Es ist nach wie vor beeindruckend, mit welcher Neugier, Energie und auch mit welchem Mut der Oltinger Dorfschullehrer als Multitalent die Rätsel um die Lebensweise der Spyren erforscht hat. Dank seiner wissenschaftlichen Arbeitsmethoden konnte er nicht nur qualitative, sondern auch quantitative Aussagen machen, und dies schon während und dann nach dem Zweiten Weltkrieg. Die meisten seiner Ergebnisse sind auch heute noch gültig. 1977 bekam er deshalb den Ehrendoktor der Universität Basel verliehen.
Die Mauersegler sehen zwar schwalbenähnlich aus, sie sind mit ihnen aber nicht verwandt. Man nennt dies eine konvergente Evolution. Im Lauf der Jahrmillionen sind ähnlich aussehende Lebewesen ohne nähere Verwandtschaft entstanden. Mauersegler sind in extremer Art und Weise an das Leben in der Luft angepasst. Mit den langen, kräftigen Flügeln, die den Körper im angelegten Zustand um rund 4 Zentimeter überragen und ausgebreitet bis 44 Zentimeter Spannweite haben, beschleunigen sich die Vögel auf bis zu 100 Kilometer in der Stunde (in Flugspielen über 200 km/h). Dass sie auch sehr wendig sind, habe ich beim Versuch, sie an der Nisthöhle zu fotografieren, erfahren (vgl. Bild): Schnell abbremsen, sich rückwärtsfallen lassen und dabei um 180 Grad drehen ist ein Kinderspiel für sie.
Die sehr kurzen Beine mit vier nach vorne gerichteten Zehen mit messerscharfen Krallen dienen zum Festhalten an Brutorten – aber auch zur Verteidigung gegen nicht erwünschte Eindringlinge. Im Flug schnappt der Mauersegler mit seinem kurzen Schnabel und grossen Mund die vorhandenen Insekten bis zur Grösse von 10 Millimetern. Damit dies gelingt, müssen seine Augen auch bei hohen Geschwindigkeiten noch gut sehen! Für die Jungvögel im Nest werden die Insekten im Kehlsack zwischengespeichert und dann verklebt zu einem Speiballen im Nest verfüttert.
Im Gegensatz zu Weitnauer, der zur Beobachtung seiner Spyren im Nest täglich und mehrmals auf den Dachstock steigen musste, gibt es heutzutage da und dort Webcams, mit denen man die Vögel via Internet beobachten kann (zum Beispiel in Basel: spyren.ch). Beeindruckt hat mich beispielsweise, wie «zärtlich» die Brutpaare miteinander umgehen. Kuscheln, Schnäbeln und Knabbern sind oft zu sehen. Und fast ununterbrochen ordnen und putzen sie ihr lebenswichtiges Federkleid.
Nach drei Monaten in Mitteleuropa ziehen die Mauersegler nach Afrika. Südlich des Äquators übersommern sie. Sie sind dort praktisch ohne Unterbruch in der Luft, denn die Gebäudenischen sind durch ortsansässige Seglerarten besetzt. Im nächsten Frühling kommen sie wieder zu uns zurück – nicht selten ins gleiche oder ins Nachbarnest. Das Auftauchen der ersten Spyren Mitte bis Ende April ist für viele von uns ein freudiger Tag.
Daniel Zwygart ist Biologe. Er unterrichtete während vieler Jahre am Gymnasium Liestal.

