«Vom Fluch und Segen, ein Retter zu sein»
16.04.2021 BennwilChristian Roth
Seine Leidenschaft für den Beruf als Rettungssanitäter wurde beim zehnjährigen Horst Heckendorn durch die Fernsehserie «Notarzt-Wagen 7» entfacht. Er wollte unbedingt Krankenwagenfahrer werden. Als Zwölfjähriger trat der Deutsche dem «Jugendrotkreuz» ...
Christian Roth
Seine Leidenschaft für den Beruf als Rettungssanitäter wurde beim zehnjährigen Horst Heckendorn durch die Fernsehserie «Notarzt-Wagen 7» entfacht. Er wollte unbedingt Krankenwagenfahrer werden. Als Zwölfjähriger trat der Deutsche dem «Jugendrotkreuz» bei. Während seine Schulfreunde mit der Familie in die Sommerferien verreisten, war er freiwillig sechs Wochen im Schwimmbad tätig.
Er versorgte diverse Wunden mit «Pflästerli» und behandelte Bienenstiche. Das waren seine Hauptaufgaben. Dies bereitete im solche Freude, dass er später eine Ausbildung als Krankenpfleger absolvierte (1985 bis 1988). Im Jahr 1997 zog es ihn in die Schweiz. Er fand eine Stelle bei der Sanität Käch in Dornach.
Erlebtes wird verarbeitet
Seine Erlebnisse im Beruf als Rettungssanitäter hat er in Büchern geschildert. Nicht ganz aus eigenem Antrieb, wie Horst Heckendorn anmerkt. Das Ganze beginnt mit der Geschichte, dass er bei einem Rettungseinsatz eine Pistole an den Kopf gehalten bekommt. Dies löst bei ihm eine posttraumatische Belastungsstörung aus. Auf Anraten seiner Frau und seines Arbeitgebers begibt er sich in professionelle Behandlung. Seine Therapeutin, eine «coole» Frau, wie Heckendorn findet, rät ihm nach zweieinhalb Stunden, dass er seine Erfahrungen niederschreiben soll. So erschien im März 2015 sein erstes Werk: «Ich bin zu alt für diese Scheisse.» Das Buch ging bis heute über 55 000-mal über den Ladentisch. Heckendorns Erzählungen konnte er im Radio, vornehmlich bei den Sendern Energy und Basilisk, präsentieren. Rund 80 Lesungen hat der Autor bis jetzt in der Schweiz, Deutschland und Österreich gehalten.
Sein neustes Werk «Lebenslänglich Lebensretter … vom Fluch und Segen, ein Retter zu sein …» ist vom Erzählstil ähnlich wie seine beiden Vorgänger. Besonders daran ist, dass rund die Hälfte der Geschichten von anderen Rettungskollegen beigesteuert wurden. Stolz ist Heckendorn darauf, dass er eine Auszeichnung von der Literaturplattform «Autorenecke. com» erhalten hat. Seine Publikation wurde als «Buch des Monats Februar 2021» prämiert.
Die neuen 21 Geschichten tragen Titel wie: «Auf Messers Schneide», «Sterben verboten», «Sport ist Mord», «Insel der Seligen» oder auch «Ficki-Ficki-Bum». Eines haben alle Geschichten gemeinsam: Es sind real erlebte Momente.
Es geht um kuriose Sportunfälle, wie auch um Demenz, Gewalt an Frauen, Herzinfarkte und gescheiterte Wiederbelebungsversuche, bis hin zu Riesenratten in der Wohnung eines zu transportierenden Patienten. Es geht aber auch um Depressionen, um Ängste und Sorgen der Menschen. In der Situation der Betreuung seiner Patienten wird dem Rettungssanitäter allerlei Privates anvertraut. Vieles noch im Krankenwagen. Die Kurzgeschichten sind zum Teil witzig, aber auch mit einer Prise schwarzem Humor geschrieben.
Die Erzählung «… Rubbeln auf Rezept …» ist für Heckendorn eine seiner Lieblingsgeschichten. Dabei handelt es um das heikle Thema «Sexualität im Alter». Auf seinen «Verlegungsfahrten» der Patienten vom Altenheim ins Spital und zurück hatte er viel Zeit, um mit den Menschen zu reden. Und die hatten einiges zu erzählen: «So auch Balthasar B., der für sein Alter noch recht rüstig und viril war. Zweiundsechzig Jahre war er mit seiner Frau Agnes glücklich verheiratet. Gemeinsam hatten sie drei Kinder grossgezogen, von denen sich jetzt allerdings keines so wirklich um sie kümmerte. Beide zogen altersbedingt ins Pflegeheim. Bis zum Ableben seiner Frau hatten die beiden ein sexuell aktives Leben.»
Das Ausleben ihrer eigenen Sexualität werde alten Menschen schon von vornherein abgesprochen, wenn nicht gar verboten. Sex im Alter gelte gemeinhin als widerlich, krank und abstossend, Händchenhalten in der Öffentlichkeit wird im Allgemeinen noch als «süss» empfunden und ist gesellschaftlich gerade noch akzeptiert. Doch die Geschichte nimmt für den Leser eine andere Wendung. Auch Menschen im Alter haben ihre sexuellen Bedürfnisse. In dieser wahren Erzählung geht es auch um die kritische Feststellung des manchmal derben Sprachgebrauchs auf den Spitalstationen.
Die Sanität Käch hat mittlerweile nach 83 Jahren den Betrieb eingestellt. Nach einigen Besitzerwechseln wurde Heckendorn nach 23 Jahren gekündigt. Heute impft er im Stundenlohn im Impfzentrum Baselland Menschen gegen Corona. Die Arbeit mache ihm Spass. Jeden Tag erlebe er neue Geschichten. Möglicherweise schreibe er über diese Arbeit ein weiteres Buch. Ausserdem freue er sich schon jetzt auf seine neue Arbeitsstelle:
Neu «Telefon-Arzt»
Seit dem 1. April ist Heckendorn als medizinischer Fachberater bei «Medi24» angestellt. Das Ganze läuft unter dem Begriff «Telemedizin». Je nach Versicherungsmodell ruft man an, um gewisse Symptome telefonisch abgeklärt zu bekommen. All dies, bevor man sich beim Hausarzt behandeln lässt. Mit einem Lachen im Gesicht meint er: «Für mich ist das toll. Ich muss keine schweren Patienten die Stockwerke runtertragen und der Arbeitsplatz ist beheizt.»
Die letzte Frage steht noch aus: Was verschlägt einen Südbadener nach Bennwil? Es war seine grosse Liebe aus Oberdorf, mit der er schon zehn Jahre verheiratet ist. Kennengelernt haben sich die beiden bei der Arbeit. Sie hat als Krankenschwester im Notfall gearbeitet und er sei ihr «Zulieferer» gewesen, sagt er.
Heckendorn geniesst sein Leben in Bennwil, wo die beiden ein «Hexenhäuschen» bewohnen. Umgeben von Wiesen mit Schafen, Pferden, Lamas und Eseln haben sie ihr Paradies gefunden. Rund sechs bis acht Rotmilane umkreisen regelmässig seine Bleibe. Das einzige Störende sei, dass diese Vögel gerne abends seine frisch gegrillten Steaks stehlen würden. Sagt es mit einem Lachen und macht sich nach dem Interview auf zur Arbeit ins Impfzentrum – und sicher auch zu weiteren Abenteuern.

