«Flexibilität kostet nichts»
19.01.2021 BaselWie kommen Mütter in die Führungsetage? – Nadja Schwarz hat ein Buch darüber geschrieben
Kinder und Karriere: Nadja Schwarz hat einen Leitfaden für Frauen verfasst, die das eine haben und auf das andere nicht verzichten wollen. Voraussetzung für eine ...
Wie kommen Mütter in die Führungsetage? – Nadja Schwarz hat ein Buch darüber geschrieben
Kinder und Karriere: Nadja Schwarz hat einen Leitfaden für Frauen verfasst, die das eine haben und auf das andere nicht verzichten wollen. Voraussetzung für eine erfolgreiche Karriere von Müttern sei ein Pensum von mindestens 80 Prozent und das Angebot von flexiblen Arbeitsmodellen.
Sebastian Schanzer
Frau Schwarz, Sie haben vier Kinder und arbeiten Vollzeit. Wie kommen Sie da auf die Idee, ein Buch zu schreiben?
Nadja Schwarz: Die Idee war nicht das Problem. Wenn man ein Thema hat, das einen persönlich sehr beschäftigt, bei dem man eine gesellschaftliche Relevanz sieht und für das man viel Herzblut hat, kann man schon auf die Idee kommen, ein Buch zu schreiben. Schwieriger war es, dafür die Zeit zu finden.
Wie haben Sie das gemacht?
Nach der Geburt meiner vierten Tochter hatte ich anstatt der gesetzlichen 14 zusätzlich 6 Wochen bezahlten Mutterschaftsurlaub. Diese geschenkten 6 Wochen habe ich genutzt, um die Idee, «ich könnte ein Buch schreiben», in die Tat umzusetzen.
Über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist bereits viel diskutiert und geschrieben worden. Was ist neu an Ihren Thesen?
Ich lese beim Thema «Arbeitende Mütter» sehr oft von typischen Teilzeitjobs oder von Frauen, die sich selbstständig gemacht haben. Über Frauen, die aber auf dem klassischen Karrierepfad bleiben, wird selten geschrieben. Ich denke, mein Buch unterscheidet sich zudem dadurch, dass es einen eher wirtschaftsfreundlichen Ansatz verfolgt. Ich wollte unter anderem herausfinden, was Unternehmen machen können, damit ihnen die talentierten und gut ausgebildeten Frauen mit dem Mutterwerden nicht aus dem Nachwuchs-Pool verschwinden.
Welchen Stolpersteinen begegnen Frauen und speziell Mütter auf dem Weg zu einer steilen Karriere?
Die meisten Frauen scheitern meiner Meinung nach am Pensum. Teilzeitpensen unter 80 Prozent sind echte Karrierekiller. Aber was heisst eigentlich «Karriere machen»? Für mich persönlich bedeutet es, einen spannenden Job zu haben, an dem ich wachsen kann und in dem ich etwas bewirken kann. Ich glaube nicht, dass ich freiwillig so viel arbeiten würde, wenn ich nicht jeden Tag so viel bewegen könnte. Mit einem Pensum unter 80 Prozent wird man rasch zum Flaschenhals und landet so über kurz oder lang in einer «zudienenden» Funktion. Ich nenne das die Assistenten-Falle.
Sie zitieren im Buch CEOs von grösseren Unternehmen, die sich die Frauenförderung auf die Fahne schreiben. Wie schätzen Sie das ein: Ist das Interesse ehrlich oder eher Imagepflege?
Meine Einschätzung: Sehr viele Unternehmen haben inzwischen realisiert, dass wir es uns als Gesellschaft nicht leisten können, einfach auf die Hälfte der potenziellen Arbeitskräfte zu verzichten. Der viel zitierte Fachkräftemangel ist in einigen Berufsfeldern bereits Realität. Zudem belegen mehrere Studien, dass geschlechtergemischte Teams bessere Leistungen erbringen.
Was haben die Unternehmen davon, wenn sie explizit Frauenkarrieren fördern?
Es sollte nicht darum gehen, Frauenkarrieren zu fördern, sondern darum, dass ein Arbeitgeber es den Mitarbeitenden ermöglicht, ihren Alltag so zu organisieren, dass sie einerseits auf der Arbeit ihr Know-how einbringen und andererseits ihren Betreuungspflichten (für Kinder oder auch betagte Angehörige) nachkommen können. Das betrifft eigentlich die Männer genauso wie die Frauen. In unserer Gesellschaft hat sich einfach das klassische Karriere- und Familienmodell der 1950er-Jahre sehr lange gehalten, in dem er für das Einkommen und sie für Haus und Familie sorgt.
Im Buch schildern Sie ein Problem von Unternehmen, die gerne mehr Frauen in der Chef-Etage hätten: Man fördert sie und dann wollen sie sich doch lieber um die Kinder kümmern statt Karriere zu machen. Was läuft hier falsch?
Meiner Meinung nach ist zum einen sicher das gesellschaftliche Klima dafür verantwortlich. Kürzlich hat mir eine Nachbarin zum Buch gratuliert, als ich ihr mit ihrem Enkel begegnete. Sie sagte: «Wir wurden damals noch als Rabenmütter beschimpft!» Heute liegt der «Rabenmutter-Quotient» für Frauen in urbanen Gebieten bei 60 Prozent, in ländlichen bei 40 Prozent. Damit meine ich das Arbeitspensum, das Mütter leisten «dürfen», ohne sich die Frage anhören zu müssen: «Warum hast du denn überhaupt Kinder?»
Sie betonen immer wieder: Ein Pensum von unter 80 Prozent sei ein Karrierekiller, und raten Frauen davon ab. Dabei wäre es doch wünschenswert, dass auch 60-Prozenterinnen Kaderpositionen einnehmen könnten. Was haben Sie gegen das Top-Sharing-Modell?
Ich glaube, das kann durchaus funktionieren. Aber für die einzelne Frau heisst das, dass sie immer darauf an-oder weniger vollumfänglich für Kind und Haushalt zuständig. Die Muster, die sich etablieren, wenn aus zwei Erwachsenen eine Familie wird, sind später nur mit viel Mühe wieder aufzubrechen.
Sie widmen in Ihrem Buch der Rolle der Väter ein ganzes Kapitel. Wo steht der moderne Vater heute und wo sollte er Ihrer Meinung nach stehen?
Der moderne Vater steckt meiner Meinung nach irgendwo zwischen seinen persönlichen Vorstellungen des Vaterseins und dem Druck, die Ernährerrolle grösstenteils allein stemmen zu müssen. Wenn man Elternschaft gleichberechtigt anschaut, dann hat der Vater genauso Anrecht auf Alltag mit seinen Kindern wie die Mutter Anrecht darauf hat, ihre beruflichen Pläne weiterzuverfolgen.
Welche Rolle soll die Politik bei der beruflichen Förderung von Müttern spielen? Wo sind andere Rahmenbedingungen dringend nötig?
Für mich ist es weniger ein politisches, als viel mehr ein kulturelles Thema. Der Wandel muss vor allem in den Köpfen geschehen, nicht im Gesetzestext. Eine meiner Interviewpartnerinnen sieht obligatorische Ganztagsschulen als Voraussetzung für Gleichberechtigung in der Arbeitswelt. Das ist ein möglicher Ansatz. Weiter ist sicher der Vaterschaftsurlaub ein wichtiger Hebel – doch auch mit zwei Wochen ist es nicht realistisch, dass der Vater in dieser Zeit zu Hause zum gleichberechtigten Elternteil werden kann.
Zurück zur Wirtschaft: Sie plädieren an die Unternehmen, flexiblere Arbeitszeitmodelle zu ermöglichen. Weniger die Präsenz vor Ort und fixe Arbeitszeiten sind wichtig, als vielmehr die Erreichbarkeit. Führt das nicht zu einer gefährlichen Lockerung der Arbeitszeit? Irgendwann muss doch mal Feierabend sein.
Ich möchte selbst bestimmen, wann mein Feierabend ist. Mir ist die Zeit mit meinen Kindern viel mehr wert, als dass ich abends essen gehen oder ins Theater gehen kann. Daher mache ich sehr gerne um 16 Uhr «Feierabend», gehe mit den Kindern raus in den Park, baue eine Ritterburg oder backe einen Zopf mit ihnen. Dafür arbeite ich dann nach 19 Uhr, wenn sie im Bett sind, noch ein paar Stunden.
Oder anders: Sie stehen mit Ihren vier Kindern an einer viel befahrenen Strasse und wollen diese überqueren. Zum gleichen Zeitpunkt ruft Ihr Chef aufs Handy an. Nehmen Sie ab?
Mit zwei Kindern habe ich das noch häufiger gemacht. Heute, mit vier, ist es rein technisch schon gar nicht mehr möglich. Ich habe so schon oft nicht genügend freie Hände.
Könnte die Homeoffice-Erfahrung während des Lockdowns den Weg für flexiblere Arbeitszeitmodelle ebnen?
Das ist meine grosse Hoffnung. Sehr viele Unternehmen haben gesehen, dass die Produktivität nicht leidet, wenn die Leute nicht vor Ort arbeiten. Auch als noch keine Homeoffice-Pflicht bestand, haben sehr viele Menschen praktisch ausschliesslich zu Hause gearbeitet. Ich bin jedenfalls überzeugt: Diese lange Zeit wird nachhaltig eine Veränderung bewirken.
Das Buch schliesst mit einigen Kleinporträts von Müttern, die Karriere machen: Gibt es etwas, das sie alle gemeinsam haben?
Auffallend ist: Sie alle haben unglaublich viel Herzblut für ihren Job. Und sie nehmen die Abstriche, die jemand machen muss, der Kinder und Karriere will, gerne in Kauf. Wenn einen der eigene Beruf und das Arbeitsumfeld nicht glücklich machen, wird es auf die Dauer schwierig mit dem Doppel-Engagement. Eine zweite Gemeinsamkeit ist, dass sich viele von ihnen ihr ideales Arbeitsmodell über die Jahre zurechtgerückt haben. Das geht nur, wenn das berufliche Umfeld das zulässt.
Was soll Ihr Buch bei seinen Leserinnen und Lesern bewirken?
Bei Eltern und vor allem bei jungen Erwachsenen, die sich mit der Familienplanung auseinandersetzen, möchte ich bewirken, dass sie zumindest darüber nachdenken, ob es nicht noch ein anderes Modell geben könnte, als die Schweizer Standard-Lösung, in der er 100 Prozent und sie 40 Prozent arbeitet. Aufseiten der Unternehmen, der Vorgesetzten, wünsche ich mir, dass sie realisieren, dass es gar nicht so viel braucht, damit eine Frau ihre Karriere auch mit Kindern weiterverfolgen kann. Flexibilität kostet nichts – höchstens etwas Überwindung am Anfang.
Zur Person
ssc. Nadja Schwarz lebt gemeinsam mit ihrem Mann und den vier Töchtern im Alter von eineinhalb bis sieben Jahren in Basel.
Sie leitet im Vollzeitpensum den Bereich Unternehmenskommunikation einer mittelgrossen Bank. Ihr Buch «Kinder und Karriere, aber richtig!» ist kürzlich im Zytglogge Verlag erschienen.
Darin plädiert sie insbesondere für flexiblere Arbeitsmodelle in den Unternehmen. Zahlreiche Wirtschaftsvertreter und Mütter, die Karriere machen, kommen im Buch zu Wort.

