Befreien, schlagen, treten
05.06.2020 Sissach, Weitere Sportarten, SportKempo | Eine Selbstverteidigungs-Randsportart mit Potenzial – mitten in Sissach
Pius Kneubühler betreibt seit elf Jahren in Sissach eine eigene Kampfsportschule. Er lehrt einer kleinen Trainingsgruppe Kempo, eine asiatische Selbstverteidigungssportart. Seine Begeisterung ...
Kempo | Eine Selbstverteidigungs-Randsportart mit Potenzial – mitten in Sissach
Pius Kneubühler betreibt seit elf Jahren in Sissach eine eigene Kampfsportschule. Er lehrt einer kleinen Trainingsgruppe Kempo, eine asiatische Selbstverteidigungssportart. Seine Begeisterung dafür begleitet ihn seit vielen Jahren.
Lisa Zumbrunn
Die Faszination am Kampfsport begleitet Pius Kneubühler schon seit seiner Jugend. Im Alter von 16 Jahren begann er aufgrund von Problemen mit aggressiven Mitschülern, Karate zu trainieren. Schnell kamen Wettkämpfe, auch im internationalen Raum, hinzu. Mit 22 Jahren erlangte er den schwarzen Gurt. Doch Kneubühler gab sich damit nicht zufrieden: «Ich stellte fest, dass das moderne, wettkampfbasierte Karate nicht für eine effektive Selbstverteidigung geeignet ist, wonach ich eigentlich suchte.»
Darum begann er vor 17 Jahren, bei Peter Stebler in Basel Kempo zu trainieren. «Dieser brachte die Sportart als Erster aus dem Ausland in die Deutschschweiz», sagt Kneubühler. Shorinji-Kempo, so der vollständige Name, ist ein asiatisch geprägter Kampfsportstil. Bestehend aus Befreiungstechniken, Schlägen und Tritten eignet sich dieser ausgezeichnet zur Selbstverteidigung.
Nur acht Dojos in der Schweiz
Der mittlerweile 40-jährige Kneubühler fand im Kempo, wonach er gesucht hatte, und setzte sich intensiv mit der Sportart auseinander. So entstand der Wunsch nach einem eigens geführten Training. 2009 eröffnete Kneubühler mit Erlaubnis seines Lehrers eine Kemposchule in Sissach. Stolz sagt er: «Bald elf Jahre später sind wir eine kleine, aber motivierte Gruppe. Ich habe inzwischen drei Schwarzgurte ausgebildet, einer davon trägt bereits den 2. Dan.» Ein Dan ist ein Meistergrad (Schwarzgurt), von denen es insgesamt zehn gibt.
Dass die Gruppe klein ist, ist nicht ungewöhnlich. Kempo gilt in der Schweiz als Randsportart und der Begriff ist den meisten unbekannt. Die Szene im Land ist klein; es gibt nur acht Dojos, das sind Trainingsräume, in der gesamten Schweiz. Dies führt nicht zu minderer Qualität der Trainings. «Mit meinem Lehrer, Peter Stebler, haben wir in der Schweiz einen Experten, wie man so schnell keinen zweiten findet. Es sagt einiges aus, dass er zehn Jahre lang zwischen Basel und Paris gependelt ist, um von Meister Aosaka, der den 9. Dan hält, direkt zu lernen», sagt Kneubühler.
Der Leiter des Sissacher Dojos im Estrich des «Cheesmeyer» würde sich über mehr Teilnehmende freuen. Gründe für die Unbekanntheit sieht er vor allem in der Komplexität der Sportart. «Ich habe den Eindruck, dass vielen Leuten die Geduld fürs Kempo fehlt. Die Techniken sind nichts, was man in einigen Monaten lernen kann. Geduld und Durchhaltewillen sind somit die wichtigsten Voraussetzungen.»
Doch was überzeugt Kneubühler genau am Kempo? Für ihn sei die Technik der Sportart einzigartig. Die Mischung aus effektiven Griffen, Befreiungen mit nahtlosen Übergängen zum Konter und schnellen Schlag- und Trittkombinationen böte eine ideale Voraussetzung zur Selbstverteidigung. Andere Kampfsportarten hätten durch den Wandel zum Wettkampf viele der ursprünglichen Techniken verloren und seien daher nicht mehr ideal zur Verteidigung.
Doch schlechtreden möchte er verwandte Sportarten keinesfalls. Kneubühler selbst trainierte neben dem Kempo noch Krav Maga (Verteidigungstechnik aus Israel), Judo, Kick- und Thaiboxen und pflegt Kontakte zu Experten diverser weiterer Kampfsportarten. Dies alles beeinflusse ihn und seine Techniken und helfe, diese noch effektiver zu machen.
Erfahrungen von der Front
Die Begeisterung für Selbstverteidigung prägte Pius Kneubühler auch bei seiner Berufswahl. Er arbeitet als Ermittler bei der Polizei, «heute zwar hauptsächlich im Büro, aber als ich noch mehr Fronteinsätze hatte, erlebte ich schon die eine oder andere brenzlige Situation. Die dabei gesammelten Erfahrungen haben wiederum meine Selbstverteidigungstechnik und meine Unterrichtsmethode beeinflusst.»
Müde scheint Kneubühler nach rund 25 Jahren Kampfsport nicht. Für die Zukunft erhofft er sich, Kempo noch bekannter machen zu können. «Schön wäre es, wenn sich mehr Leute unserem Dojo anschliessen würden. So könnten wir ein drittes Training pro Woche durchführen.» Allerdings sieht er auch die Vorteile von kleinen Trainingsgruppen. Die Lehrer könnten dabei besser auf ihre einzelnen Schüler eingehen. Ausserdem sei die Organisation einfacher und weniger reglementiert. «Bei uns ist es unkompliziert», fasst er die Schweizer Kempo-Szene zusammen.
Kempo
zli. Kempo ist der japanische Oberbegriff für Selbstverteidigungsstile. In der Schweiz wird nach dem Stil des Shorinji-Kempos trainiert, der vom japanischen Meister Doshin So entwickelt wurde. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war seine Heimatstadt von Unruhen krimineller Banden geprägt. Doshin So lehrte die jungen Leuten vor Ort, sich gegen diese zu wehren. So entwickelte er basierend auf chinesischen Kampfsporttechniken das Shorinji-Kempo. In der Schweiz ist Kempo eine Randsportart und wird an insgesamt acht Schulen unterrichtet.


