Ein Leben lang Tochter
29.08.2019 RatgeberLesetipp | «Ich und meine Mutter» von Vivian Gornick
In ihrem berührenden autobiografischen Roman schreibt die Journalistin und Autorin Vivian Gornick sehr reflektiert über die schwierige Beziehung zu ihrer Mutter.
Cindy ...
Lesetipp | «Ich und meine Mutter» von Vivian Gornick
In ihrem berührenden autobiografischen Roman schreibt die Journalistin und Autorin Vivian Gornick sehr reflektiert über die schwierige Beziehung zu ihrer Mutter.
Cindy Thommen
Die Geschichte deckt die Zeit ab, in der Gornick mit ihrer Mutter durch New York spaziert und über Gegenwärtiges und Vergangenes redet. Sie arbeitet aber auch mit Rückblenden, die ihre Jugendjahre, den Tod des Vaters und ihre vergangenen Beziehungen beleuchten.
Gornick wird 1935 geboren und wächst als jüdisches Arbeiterkind in der Bronx auf. Viele der Nachbarn sind jüdische Immigranten aus Europa, die Frauen bleiben traditionell zu Hause. Als Vivians Vater mit 51 Jahren an einem Herzinfarkt stirbt, ist die Mutter mit der 13-jährigen Tochter und dem älteren Sohn allein. Mit dem Tod ihres Mannes verliert sie auch die Liebe ihres Lebens, an die sie sich klammert, nicht bereit, dem Leben eine neue Perspektive zu geben. Die Vergangenheit wird zu einer Ersatzreligion.
Die Mutter entwickelt eine schwere Depression und schikaniert damit ihre Umgebung, vor allem jedoch ihre Tochter. Sie versucht aus Vivian eine Hausfrau zu machen. Sie will ihr ihr eigenes, früheres Leben aufdrängen. Das kommt bei Vivian nicht gut an. Sie rebelliert, nimmt ein Studium auf, was in den 1950er-Jahren nicht jeder Frau erlaubt wird, und wird Schriftstellerin. Vivian stösst damit bei ihrer Mutter auf Unverständnis. Diese hegt sehr viel Missgunst gegenüber der Intelligenz und dem Intellekt ihrer Tochter.
Stark und voller Leben
Auch später, als Vivian bereits erwachsen ist, bleibt die Beziehung zur Mutter angespannt. Beide Frauen zerren aneinander, suchen Nähe, bekriegen sich, mal stärker, mal weniger stark. Auf den langen Spaziergängen durch New York üben sie sich in der Bewältigung ihrer Beziehung. Vivian wirft jetzt der Mutter vor, nach dem Tod ihres Mannes nichts mit ihrem Leben angefangen zu haben. Dagegen schaut die Mutter neidvoll auf das Leben der Tochter: «Mein Gott, bist du gereist! ... Was hätte ich darum gegeben, reisen zu können!» Die treffenden und genauen Dialoge während dieser urbanen Ausflüge machen die Geschichte enorm stark, sie stecken voller Leben.
In Gornicks Buch geht es um weibliche Lebensentwürfe und Rollenvorbilder. Vivians Mutter hat als Vorbild für die Tochter grundlegend versagt. Nicht nur, weil Vivian das Dasein als Hausfrau und Mutter für indiskutabel hält, sondern auch, weil die Mutter das von ihr gewählte Modell nicht glaubhaft ausfüllt und darunter leidet, ohne Auswege zu finden. Es gibt eben kein richtiges Leben im falschen! Und Vivian weiss zwar genau, was sie nicht will, muss aber erst eine eigene Haltung entwickeln.
Vivian Gornick hat ihrer Mutter mit diesem Buch ein kluges und mitreissendes Denkmal gesetzt. Unglaublich, dass dieser bereits 1987 erschienene biografische Roman, der in den USA als Klassiker der Frauenliteratur gilt, erst dieses Jahr auf Deutsch erschienen ist. Das Buch ist eine Entdeckung, weil es nach wie vor aktuell ist und klug die vielen Widerhaken in einer Mutter-Tochter-Beziehung aufdeckt. Oder, um es mit den Worten der amerikanischen Psychologin Susan Forward zu sagen: «Ein Sohn ist ein Sohn, bis er eine Frau findet, aber eine Tochter bleibt ihr Leben lang Tochter.»
Vivian Gornick «Ich und meine Mutter», Penguin-Verlag München. Das Buch kann in der Bibliothek Gelterkinden ausgeliehen werden.
Cindy Thommen, Bibliothekarin SAB
Gemeinde- und Schulbibliothek Gelterkinden
Sissacherstrasse 20, Gelterkinden, 061 981 43 81 bibliothek@gelterkinden.ch www.bibliothek-gelterkinden.ch

