Zwei Meister ihres Fachs
11.01.2019 SissachFritz Bürgins Auseinandersetzung mit der Basler «Amazone»
Mit seiner Plastik «Junge Kraft» zeigt der Oberbaselbieter Künstler Fritz Bürgin die widerspenstige Seite der Natur. Dabei setzt er andere Akzente als Carl Burckhardt in Basel.
Martin ...
Fritz Bürgins Auseinandersetzung mit der Basler «Amazone»
Mit seiner Plastik «Junge Kraft» zeigt der Oberbaselbieter Künstler Fritz Bürgin die widerspenstige Seite der Natur. Dabei setzt er andere Akzente als Carl Burckhardt in Basel.
Martin Stohler
Die junge Frau mit dem störrischen Pferd ist eigentlich nicht zu übersehen. Und doch muss man ein bisschen suchen, bis man die Plastik «Junge Kraft» des Läufelfinger Künstlers Fritz Bürgin (1917–2003) findet. Denn anders als das sich aufbäumende Pferd seines älteren Bildhauerkollegen Jakob Probst (1880–1966) steht es nicht mitten im Park des Schlosses Ebenrain, sondern etwas ausserhalb beim Zentrum für Landwirtschaft, Natur und Ernährung. Buschwerk und andere Pflanzen reklamieren hier mehr Raum für sich, als ihnen die Hand des Landschaftsgärtners im Park erlauben würde. Der Standort von Bürgins Plastik passt gut zur Problematik, die darin zum Ausdruck kommt.
Das Pferd zeigt Widerstand, es macht nicht einfach, was die starke junge Frau will. Mensch und Natur reiben sich aneinander, ihr Verhältnis hat etwas Prekäres an sich. Andere Werke Bürgins weisen uns auf die zerstörerischen Aspekte unseres Umgangs mit der Natur hin. In diesem Sinn wollte er auch seinen «Coq» von 1959/1963 verstanden wissen. Die Plastik im Innenhof des Kollegiengebäudes der Uni Basel ist ein Mischwesen, halb Hahn, halb Basilisk. In seinem Doppelcharakter kann man auch ein missglücktes wissenschaftliches Experiment à la Victor Frankenstein sehen.
Solche Töne klingen bei der «Jungen Kraft» allerdings noch nicht an. Worum es Bürgin inhaltlich bei seinem im März 1960 dem Publikum übergebenen Werk ging, zeigt ein Vergleich mit der «Amazone» von Carl Burckhardt (1878–1923) bei der Mittleren Brücke in Basel. Burckhardts Plastik lässt beim Betrachter keine Frage aufkommen, wer hier das Sagen hat, wer den Lauf der Dinge bestimmt. Die Frau schreitet voraus, das Pferd folgt ihr willig nach – keine Spur der Widerspenstigkeit, die bei Bürgin, der die «Amazone» natürlich gekannt hat, aufflackert. Was wir bei Burckhardt zu sehen bekommen, ist eine Natur, die dem Menschen kaum Probleme macht.
Auf hohem Sockel
Dasselbe lässt sich im Übrigen auch bei einem anderen Werk Burckhardts beobachten, das den Kampf des Ritters Georg mit dem Drachen zeigt. Burckhardt schuf diese Plastik in seinem letzten Lebensjahr für dieBasler Töchterschule (heute das Gymnasium Leonhard) am Kohlenberg. Sie thront auf einem hohen Sockel vor dem Schulgebäude, Ritter und Drache sind stark stilisiert. Vom besiegten Drachen geht keine Bedrohung aus. Man kann sich kaum vorstellen, dass dieser fast schon niedliche Lindwurm jemals eine Gefahr für uns Menschen darstellte, sei es, dass ihn der Künstler als Verkörperung verderblicher Sünde geschaffen hat oder dass er die wilde, urtümliche Natur repräsentiert.
Von solcher Entrücktheit grenzt sich Bürgin deutlich ab. Damit steht er uns sowohl zeitlich als auch inhaltlich näher als Burckhardt. Dennoch möchte man auch dessen Werke nicht missen. Als Bildhauer sind Bürgin und Burckhardt – jeder auf seine Weise – Meister ihres Fachs.
Carl Burckhardt im Kunstmuseum Basel
mst. Im Kunstmuseum Basel ist bis Ende März die Burckhardts Schaffen gewidmete Ausstellung «Antiker Geist – moderne Form» zu sehen. Im Zusammenhang dazu ist im Christoph-Merian-Verlag die Publikation «Carl Burckhardt 1878–1923: Ein Bildhauer zwischen Basel, Rom und Ligornetto» erschienen.


