17 Jahre bei «Dietisberg-Familie»
27.02.2026 SissachChristina Wyler-Schaub geht in den (Un-)Ruhestand
Sie kennt ganz Sissach und fast ganz Sissach kennt sie. Heute Freitag steht sie der Kundschaft im Bergladen zum letzten Mal mit Rat und Tat zur Seite. Nach 17 Jahren bei der «Dietisberg-Familie» lässt sich Christina Wyler ...
Christina Wyler-Schaub geht in den (Un-)Ruhestand
Sie kennt ganz Sissach und fast ganz Sissach kennt sie. Heute Freitag steht sie der Kundschaft im Bergladen zum letzten Mal mit Rat und Tat zur Seite. Nach 17 Jahren bei der «Dietisberg-Familie» lässt sich Christina Wyler pensionieren.
Brigitte Keller
«Sali Peter, danke Irene, tschüss Theres!», so begrüsste und verabschiedete Christina Wyler während all der Jahre die treue Kundschaft im Bergladen in der Sissacher Begegnungszone. Denn mit den meisten war sie per Du. Sie ist in Sissach zur Welt gekommen, hier verwurzelt und blieb ihrem Dorf über all die Jahre treu. «Ich mag es dir ja gönnen», hörte sie in den vergangenen Wochen sehr oft, «aber ich bedaure, dass du aufhörst.» Die Kundinnen und Kunden werden die aufgestellte Verkäuferin, die oft einen lustigen Spruch auf den Lippen hatte, vermissen.
«Das hier, das vor 17 Jahren angefangen hat, war meine Berufung», fasst Christina Wyler zusammen. Das Verkaufen und den herzlichen Umgang mit Menschen wurde ihr buchstäblich in die Wiege gelegt, denn bei ihrer Geburt, als Jüngste von drei Mädchen, hatte ihre Mutter kurz vorher in der Kleinen Allmend einen Quartierladen eröffnet. Die kleine Christina verbrachte viel Zeit dort, zuerst im Laufgitter und dann immer mehr als helfende Hand. Ihre zwei älteren Schwestern und sie unterstützten ihre Mutter tatkräftig. «Am Samstag mussten wir immer ausknobeln, wer was tut: Laden, Kochen oder Putzen standen zur Auswahl.»
Einige im Dorf können sich noch heute an das «Schaube-Lädeli» erinnern. Das Geschäft, das 27 Jahre lang bestanden hatte und 1987 geschlossen wurde, hatte sich vor allem einen Namen gemacht mit der vielfältigen Auswahl an Gemüse. Die Mutter stammte aus dem Berner Seeland und dort, bei den Verwandten, haben sie dann etwa alle zwei Wochen ihren Kombi bis unters Dach mit Gemüse beladen und nach Sissach gebracht. Christina kannte man im Dorf in den folgenden Jahren als «die chlini Gmüesere».
Als feststand, dass ihre ältere Schwester Susanna, genannt «Zeusi», nach der Schule im Laden weiterarbeiten wollte, konnte Christina nach einer Berufslehre Ausschau halten. Sie wollte einen Beruf erlernen, in dem sie ihre Fremdsprachenkenntnisse anwenden konnte. Um das Französische noch zu verbessern, ging sie zuerst für ein Jahr zu einer Familie ins Welschland. «In jenem Jahr habe ich sehr viel über das Verhalten von Menschen gelernt», erklärt sie vielsagend. Sie staune selbst, dass sie damals nicht einfach den Bettel hingeschmissen habe. Es sei eine harte und gleichzeitig wertvolle Schule fürs Leben gewesen.
Vielsprachig, schnellschreibend
Zurück aus dem Welschland, begann eine neue Ära für die junge Sissacherin: Sie begann eine Ausbildung zur Telegrafistin beim Telegrafenamt der Fernmeldedirektion in Basel. Das Bedienen von Telex-Geräten, Telegramme entgegennehmen und übermitteln sowie Ferngespräche vermitteln gehörten zur Basisausbildung. Die Arbeit gefiel ihr ausgesprochen gut. Nach der Reorganisation, als das «P» von «PTT» abgetrennt wurde, verblieb sie bei «TT», also dem Telefon und Telegraf. Ab da habe ihr Beruf «Teleoperatrice» geheissen, und schon bald wurde daraus «Chef-Teleoperatrice».
«Ich hatte meinen Traumberuf gefunden», erzählt Wyler. Viele bekannte Journalisten seien damals zu den Schaltern gekommen, damit sie und ihre Kolleginnen deren Manuskripte abtippten und mittels Lochstreifen an die verschiedenen Zeitungen übermittelten. Besonders gerne habe sie immer in den temporären Pressezentren gearbeitet. In lebhafter Erinnerung ist ihr ein Einsatz vom 30. Mai 1981 im St.- Jakob-Stadion geblieben: Damals spielte die Schweizer Fussballnationalmannschaft in der WM-Qualifikation gegen England und bezwang den Gegner mit 2:1. «Was da abging, das war abartig.» «Hopp hopp» habe es nicht nur im Stadion geheissen, sondern auch beim Tippen und Übermitteln der Berichte im Pressezentrum.
Zwölf Jahre wurden es in ihrem Traumberuf, danach folgte die Geburt ihrer Töchter und eine Zeit, in der sie sich zu 100 Prozent ihrer Familie widmete. Als sie nach ein paar Jahren wieder ins Erwerbsleben zurückkehren wollte, gab es ihren Beruf nicht mehr. Der rasante technische Fortschritt in Sachen Kommunikationsmittel hatte ihn überflüssig gemacht. Das sei hart gewesen zu akzeptieren, sagt Wyler. Doch auf sie wartete ja noch ihre Berufung.
Zurück zu den Wurzeln
Es war ums Jahr 2000 herum, als sie ihre Suche im Stundenlohn an die Rezeption des Hotels Sonne und etwas später zusätzlich hinter die Theke der Metzgerei Gunzenhauser führte. Sie arbeitete an beiden Orten hauptsächlich abends oder am Wochenende, wenn Ehemann Fredy für die Kinder da sein konnte.
Dann, es war im Januar 2009, fiel ihr das verhüllte Gebäude im «Strichcode» auf, das vom Dietisberg gekauft worden war. Sie rief kurzerhand den damaligen Leiter, Res Thomet, an, und drei Tage und einen Kaffee später stand sie mit ihm im Rohbau, hörte von seinen Visionen und Plänen für den Laden und bekam auf der Stelle das Angebot, beim Aufbau mithelfen zu können.
Die Zeit bis zur Ladeneröffnung Anfang Sommer – damals hiess der Laden noch «Berg & Tal» – nutzte sie, um zusammen mit Männern aus dem Betreuungsprogramm des Dietisbergs Produkte aus betriebseigenen Zutaten herzustellen. «Damit wir überhaupt etwas zum Verkaufen hatten», erzählt Christina Wyler und lacht. Unter Hochdruck wurden Sirup, Konfitüren, Eingemachtes, Suppengemüse, Bretzeli und anderes hergestellt.
Diese Zeiten sind längst vorbei, 2018 wurde die Produktion in die Räumlichkeiten auf dem Dietisberg verlegt, der Laden um- und ausgebaut. Insgesamt fast 17 Jahre war Christina Wyler-Schaub mit Kopf, Herz und Hand für «ihren» Laden da. Nur dienstags war sie selten anzutreffen, weil dies der gemeinsame freie Tag von ihr und ihrem Mann Fredy war.
Nun würde es immer mehr «knirschen in ihren Knochen», meint sie. Darum – und weil sie und ihr Mann gerne noch das eine oder andere von ihrer To-do-Liste machen möchten – haben sie sich für den gemeinsamen Start in den Ruhestand heute Freitag entschieden. Der heutige 27. Februar ist passenderweise auch Christina Wylers Geburtstag.
Kreuzfahrten und Ferien in Sizilien, aber auch wieder mehr «Gmüesen» im eigenen Garten, das Lesen von Büchern und zur Abwechslung auch einmal die Gartenliegestühle zu nutzen, stehe auf besagter Liste. Oder bei einem Projekt mitmachen, ähnlich dem früheren «Café Bâle», wo sie als Statistin dabei war, würde ihr auch noch gefallen.
Dann hat sich das Ehepaar zudem noch auf einen teilweisen Rollentausch von Küchen- und Büroarbeit geeinigt. Zudem freut sich Christina Wyler auf Teilnahmen an Flohmärkten. «Ein bisschen ‹Verkäuferlis› muss schon noch sein …» Es ist nicht ganz auszuschliessen, dass die Leute, die ihnen prophezeien, dass sie nach der Pensionierung weniger Zeit haben als vorher, recht bekommen könnten.


