Nachtschichten
09.06.2026 PersönlichTooor! Als Siphiwe Tshabalala am 11. Juni 2010 das Eröffnungstor der Fussball-Weltmeisterschaft in Südafrika erzielte und die Mannschaft unter dem Klang von Hunderten Vuvuzuelas zur Tanzeinlage ansetzte, jubelte nicht nur ein Land. Mit ihm feierte gefühlt ein ganzer Kontinent. Es ...
Tooor! Als Siphiwe Tshabalala am 11. Juni 2010 das Eröffnungstor der Fussball-Weltmeisterschaft in Südafrika erzielte und die Mannschaft unter dem Klang von Hunderten Vuvuzuelas zur Tanzeinlage ansetzte, jubelte nicht nur ein Land. Mit ihm feierte gefühlt ein ganzer Kontinent. Es war die erste WM auf afrikanischem Boden, und das Tor wurde zum Symbol für diesen historischen Moment.
Ich erinnere mich noch genau daran, wo ich damals sass: beim Coiffeur «Moustache» in Sissach. An der Wand hing ein Fernseher, auf dem das Eröffnungsspiel zwischen Südafrika und Mexiko lief. Eigentlich war ich dort zum Haareschneiden. Doch als Tshabalala den Ball mit einem Prachtsschuss in die Maschen drosch, interessierte ich mich plötzlich nicht mehr für meine Frisur.
Sechzehn Jahre später steht erneut eine WM vor der Tür. Gastgeber sind diesmal die USA, Kanada und Mexiko. Übermorgen geht es los. Das Eröffnungsspiel heisst erneut Mexiko gegen Südafrika, allerdings mit umgekehrtem Heimvorteil. Die Anspielzeiten in Nord- und Mittelamerika werden für uns Europäer teilweise gewöhnungsbedürftig sein. Einige Partien werden mitten in der Nacht oder frühmorgens stattfinden. Trotzdem werde ich mir das eine oder andere Spiel nicht entgehen lassen.
Denn: Für Fussballfans ist eine Weltmeisterschaft wie Weihnachten und Geburtstag zusammen. Kaum hat man das eine Spiel verdaut, steht schon das nächste auf dem Programm. Tag für Tag rollt der Ball, begleitet von Diskussionen, Analysen und Prognosen. Natürlich gehört auch das Tippen dazu. Beim SRF-Tippspiel kann jeder ohne Geldeinsatz sein Expertenwissen unter Beweis stellen.
Diese WM wird grösser als alle Turniere zuvor. Erstmals nehmen 48 Teams teil. Noch nie waren so viele Nationen vertreten. Das eröffnet Chancen für Länder, die früher häufig knapp an der Qualifikation gescheitert sind. Als Schweizer hoffe ich selbstverständlich auf ein möglichst erfolgreiches Abschneiden der «Nati». Wer an einer WM teilnimmt, träumt schliesslich vom Titel. Auch wenn die Konkurrenz gross ist.
Doch eine Weltmeisterschaft lebt nicht nur von den Favoriten. Gespannt bin ich vor allem auf die Aussenseiter wie Haiti, Curaçao oder Usbekistan. Mannschaften, die man sonst kaum zu sehen bekommt, sorgen manchmal für die schönsten Geschichten. Vielleicht gelingt dem einen oder anderen Underdog ein überraschender Sieg, von dem noch Jahre später erzählt wird.
Und überhaupt: Eine WM ist mehr als Erfolg auf dem Rasen. Panini-Bilder sammeln, Public Viewings in Dorflokalen oder gemeinsame Fernsehabende mit Freunden – solche Turniere bringen Menschen zusammen. Für ein paar Wochen drehen sich Gespräche in der Kaffeepause plötzlich um Aufstellungen, Schiedsrichterentscheide und Traumtore.
Selbst Menschen, die sich sonst kaum für Fussball interessieren, werden vom WM-Fieber angesteckt. Genau das macht den Reiz dieses Turniers aus. Es schafft gemeinsame Erinnerungen.
Janis Erne, Redaktor «Volksstimme»

