Auf Du mit dem Nobelpreisträger

Do, 16. Mai. 2019

Abendspaziergänge mit Carl Spitteler

Ein Jahrhundert nach dem Erhalt des Literaturnobelpreises beehrt der grosse Dichter Carl Spitteler das «ergötzliche Städtchen» Waldenburg mit seinem Besuch und begibt sich mit einem Nachtwächter sowie mit literarisch und historisch Interessierten auf einen Abendspaziergang.

Elmar Gächter

Sollte es jemanden geben, der den grossen Sohn des Baselbiets allein für Liestal vereinnahmen wollte, müssten Bennwil und vor allem Waldenburg heftig protestieren. Carl Georg Friedrich Spitteler, der erste und bisher einzige gebürtige Schweizer Literaturnobelpreisträger, ist zwar Bürger der Kantonshauptstadt, besass aber auch das Bürgerrecht von Bennwil und war ein eigentlicher Heimweh-Waldenburger.

Doch lassen wir ihn gleich selber zu Wort kommen: «Ich bin nachmals noch oft in meinem Leben glücklich gewesen, anhaltend glücklich sogar; ob ich jedoch jemals wieder so durch und durch bis in die kleine Zehe wunschlos selig gewesen bin wie damals in Waldenburg, frage ich mich.»

Begleitet von Nachtwächter Huldrich, der die lange Zeitreise aus dem Mittelalter auf sich genommen hat, besucht Spitteler sein «ergötzliches Städtchen», wo er in seinen Kinderjahren diese Glückseligkeit erfahren durfte. Just 100 Jahre nach seinem letzten Besuch und ebenso vielen, seit ihm das Komitee in Schweden den Literaturnobelpreis für sein Epos «Olympischer Frühling» zugesprochen hat.

«Grad bin i no ufere Wulke im Olymp gsässe, ha Harfespiel ghört, dr Aphrodite bym Bade zuegluegt, und jetzt bin i z’Waldeburg», so seine ersten Worte nach der langen Abwesenheit. Überrascht sieht sich Spitteler einer Gruppe von Interessierten gegenüber, die sich mit ihm und Huldrich auf dem Abendspaziergang an jene Stätten begeben möchten, die er sein Leben lang nie vergessen sollte.

Vom «vergnüglichen Tor», mit dem der Dichter laut seinen Worten sofort Freundschaft geschlossen hatte, macht sich die Gesellschaft auf den Weg zu jenem Höflein, das «nun täglich und stündlich mein Lieblingsaufenthalt wurde und dem ich meine unvergessliche Waldenburger Seligkeit verdanke». Im gleichen Haus das Lädelein seiner Tante Tschopp, wo ihm das Klingeln des Glöckleins ob der Eingangstür so ans Herz gewachsen ist, dass er «ewig die Tür ein- und ausging, um das Glöcklein spielen zu hören».

Goldene Fische, blau-rot-grüne Kaninchen
Gespannt hängt die Gruppe an den Lippen des Dichters, der vom Münsterli, dem Wasserfall und Wasserbecken oberhalb des Baches, berichtet, wo er mit Salomeli, der Tochter von Tante Tschopp, «Stunde um Stunde in unbeschränkter Freiheit Entdeckungsreisen anstellen durfte, wie er wollte». Erinnerungen werden in ihm wach, an Herrn Meyer, bei dem goldene Fische schwammen und wo sich im himmlischen Gärtlein Kaninchen mit blauen Hälsen und roten Schwänzchen und Hühner mit weissen und grünen Beinen tummelten. Um schliesslich beim Pfarrgarten einen letzten Halt einzuschalten und Waldenburg nochmals in ein besonderes Licht zu stellen. «… was für eine Erquickung nach dem unabsehbar grossen Liestal, von den endlosen Steinhaufen Basels gar nicht zu reden. Und wie alle Leute einen kennen und einem freundlich zunicken.» Die Idee für diese Abendspaziergänge stammt vom Historiker Lorenz Degen aus Liedertswil. Für ihn und Thomas Schweizer, Autor und Literat aus Füllinsdorf, ist im Jubiläumsjahr die Präsenz von Spitteler in Waldenburg ein Muss. «Wir wollten weder einen Vortrag noch eine Lesung veranstalten, sondern den Besuchern etwas Aussergewöhnliches bieten. Deshalb haben wir uns für diese Art der theatralischen Inszenierung entschieden», erklären die beiden profunden Kenner der Werke Spittelers.

Schweizer in der Rolle von Carl Spitteler und Degen als Nachtwächter Huldrich halten sich in ihren Erinnerungen an die überlieferten Begebenheiten und die historischen Stätten, wie Spitteler sie in «Meine frühesten Erlebnisse» detailliert und wortreich ausgeschmückt beschrieben hat, verknüpfen sie aber auch humorvoll mit der heutigen Zeit.

Die Abendspaziergänge finden wie folgt statt: Montag, 20. Mai, Dienstag, 21. Mai, Mittwoch 22. Mai, Donnerstag, 13. Juni, Freitag, 14. Juni und Samstag, 15. Juni, Besammlung jeweils um 19.45 Uhr beim oberen Tor in Waldenburg. Dauer: 75 Minuten. Freiwillige Kollekte.

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